Autor Thema: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront  (Gelesen 151543 mal)

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #45 am: 23.01.13 (15:08) »
Kurt von Pritzelwitz erhielt den PLM am 12. Januar 1916 als General der Infanterie und Kommandierender General des VI. Armeekorps.

Die Führung über sein Korps hatte Kurt von Pritzelwitz bereits am 7. November 1915 aus gesundheitlichen Gründen abgeben müssen. Am 12. Januar 1916 wurde er nach Einreichung seines Abschiedsgesuchs zur Disposition gestellt. Am gleichen Tag wurde ihm die hohe Auszeichnung verliehen.

Kurt von Pritzelwitz hatte sich zuletzt hervorragend bei der Herbstschlacht bei La Bassée und Arras vom 25. September bis 13. Oktober 1915 bewährt, wo er gegnerischen Angriff hatte rechtzeitig kommen sehen und somit verhindern können.


Bei ihm fehlt mir jetzt zum ersten Mal eine Angabe zu seinen Lebensdaten, und zwar der Todesort.

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #46 am: 23.01.13 (21:34) »
Das Kriegsjahr 1916 wurde im Westen durch zwei enorme Materialschlachten geprägt, die Schlacht um Verdun und die Schlacht an der Somme.

Die erste Verleihung des PLM für den Kampf um Verdun erfolgte am 9. März 1916 an Hans von Guretzky-Cornitz. Er führte als General der Infanterie die 9. Reservedivision. Die Verleihung erfolgte für die Einnahme von Fort Vaux genau an jenem 9. März 1916.

Jedoch, diese spontane Verleihung erwies sich als verfrüht, den Fort Vaux war entgegen ersten Meldungen am 9. März 1916 doch nicht in deutsche Hand gefallen, sondern blieb noch bis in den Juni 1916 hinein schwer umkämpft. Die Verleihung an Hans von Guretzky-Cornitz konnte man natürlich nicht rückgängig machen. Sie wurde zudem damit begründet, daß der General seine Angriffstruppen selbst bis dicht an das Fort herangeführt habe und so Beispiel gewesen sei.

Diese Verleihung ist für diese Phase des Krieges scheinbar irgendwie noch typisch. Die Auszeichnung bekam der Kommandierende General, meist sofort am Tag des vermeintlichen Erfolges. Die Einnahme von Fort Vaux wurde am 9. März 1916 gemeldet. Bereits am 25. Februar war das Fort Douaumont eingenommen worden. Die daran beteiligten führenden Offiziere wurden erst am 14. und 16. März 1916 mit dem PLM dekoriert, wie wir bereits aufgeführt haben. Doch für diese "kleinen" Offiziere (Oberleutnant und Hauptmann) mußten die Verleihungsvorschläge erst den Dienstweg hinaufklettern.


Für Hans von Guretzky-Cornitz fehlt mir bis jetzt noch der Geburtsort und der Todesort. Er starb übrigens am 27. Juli 1917 infolge einer Krankheit. Zu dieser Zeit war er noch immer Kommandeur der 9. Reservedivision. Auch dies ist wohl typisch für den ersten Weltkrieg, obwohl General der Infanterie und hoch dekoriert, blieb er die ganze Zeit Divisionskommandeur. Die 9. RD hatte er bereits im August 1914 ins Feld geführt.
« Letzte Änderung: 23.01.13 (21:44) von IM »

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #47 am: 24.01.13 (18:03) »
Ich habe mir Band 14 aus der Reihe "Schlachten des Weltkrieges" zur Hand genommen. Es ist dies der Titel "Die Tragödie von Verdun 1916 - Teil 2 - Das Ringen um Fort Vaux". Darin wird die Fehlmeldung und die Geschichte ihrer Entstehung sehr ausführlich beschrieben.

Es ist höchst umstritten, ob an jenem 9. März 1916 deutsche Soldaten überhaupt das Fort Vaux betreten haben. Französische Quellen bestreiten dies heftig. Es gab wohl vereinzelte deutsche Rückkehrer, die angaben, in das Fort eingedrungen und anschließend wieder hinausgeworfen worden zu sein. Die Geschichte wird so ausführlich im Buch behandelt, daß ich sie hier auch ausführlich, wenn auch stark gekürzt wiedergeben möchte.

Den Kampf um Fort Vaux führten Anfang März 1916 die 6. Infanteriedivision und die 9. Reservedivision. Vor dem 9. März 1916 waren erste Angriffe bereits gescheitert. In der Nacht vom 8. auf den 9. März 1916 schwirrten zum ersten Mal Gerüchte und Meldungen über die Wegnahme des Forts Vaux durch die Drahtleitungen von und zu den Kommandostellen. In den Stäben der beiden Divisionen harrte man deshalb ungeduldig der letzten Bestätigung, daß das Fort wirklich in deutscher Hand sei. In dieser Stimmung nahm der Kommandeur der 9. RD, General der Infanterie Hans von Guretzky-Cornitz, am 9. März 1916, 8.20 Uhr, persönlich auf dem Gefechtsstand seiner Division durch Fernsprecher eine Meldung von Oberstleutnant von Gersdorff, dem Kommandeur des ihm unterstellten Reserve-Infanterieregiments 6, entgegen. Dies hatte folgenden Wortlaut:

"Rittmeister von Scheele meldet: Habe mit drei Kompanie 7.00 Uhr Fort Vaux erreicht. Habe links Anschluß an 14. / RIR 6, rechts an II. / RIR 19. Trete Vormarsch mit einer Kompanie (4. / RIR 16) weiter an."

Diese Nachricht stammte vom Hauptmann d.R. Pohl, I. / RIR 6, der sie schriftlich auf Meldekarte an den Regimentskommandeur weitergegeben hatte. General von Guretzky ging mit der Meldung des Oberstleutnants sofort zu seinem Generalstabsoffizier, Hauptmann Sichting, und rief ihm schon von weitem zu: "Wir haben Fort Vaux genommen, Gersdorff hat es soeben gemeldet." Guretzky wollte dies sofort selbst an das Generalkommando weitergeben.

Interessant ist auch, wie wohl die Sichtweise im Stab der 9. RD war. Man sah Fort Vaux infolge das schwersten deutschen Beschußes als unbesetzten Trümmerhaufen an. Das deckt sich natürlich nicht ganz mit der Euphorie, mit der jetzt die Meldung von der Einnahme weitergereicht wurde. General von Guretzky informierte fernmündlich auch Oberstleutnant Smalian, den Brigadeführer seiner Sturmregimenter. Dieser äußerte jedoch sogleich Bedenken über die Richtigkeit der Meldung und stellte umgehende Ermittlungen in Aussicht.

Inzwischen wurde der Stab der 9. RD in seiner Siegeszuversicht durch weitere Nachrichten verstärkt. Der Generalstabsoffizier der benachbarten 6. ID teilte mit, daß nach Meldung der vorderen Truppen die 9. RD Fort Vaux genommen habe. Ein Artilleriebeobachter habe angegeben, auf dem Fort wehe die schwarz-weiß-rote Fahne. Sichtmeldungen dieser Fahnen trafen anschließend weitere ein. Auch vom Gefechtsstand der 9. RD aus wurde durch das Scherenfernrohr diese Fahne gesehen. Daher gab die 9. RD um 9.50 an das Generalkommando die Meldung ab: "Auf Fort Vaux weht eine schwarz-weiß-rote Fahne."

Kurz darauf war man sich auf dem Gefechtsstand der 9. RD sicher, durch das Scherenfernrohr erkennen zu können, daß deutsche Mannschaften auf dem äußeren Fortwall in einzelnen Gruppen herumstanden. Nun war man sich absolut sicher. Meldungen, die bestritten, daß das Fort in deutscher Hand sei, blieben unbeachtet.

Im KTB des V. Reservekorps wurde für den 9. März 1916 10.05 Uhr eingetragen, daß am Morgen des 9. März 1916 Rittmeister von Scheele mit mehreren Kompanien des RIR 6 erneut in das Werk eingedrungen sei, dort drei Kompanien gelassen habe und mit den übrigen weiter nach Süden vorgestoßen sei. Weiterhin wird in dieses KTB ebenfalls die Meldung eingetragen, man hätte deutlich einzelne Leute, ohne Gewehr umhergehend, beim Fort gesehen und auf dem Fort wehe die schwarz-weiß-rote Fahne.

Etwa ebenfalls um 10.00 Uhr rief der Chef des Generalstabes des V. Reservekorps die 9. RD ab und fragte, ob er nunmehr die Meldung über die Einnahme des Forts weitergeben könne. Im Stab der 9. RD wurde ihm noch einmal versichert, man könne mit absoluter Sicherheit erkennen, daß deutsche Sturmtruppen auf dem äußeren Fortwall seien. Der Chef des Generalstabes antwortete, daß ihm dies genüge. Gleichzeitig äußerte auch er den Satz, daß das Fort wohl gar nicht besetzt gewesen sein muß.

10.15 Uhr ging dann eine Meldung vom V. Reservekorps an das Armeeoberkommando 5. Von da aus empfing die Oberste Heeresleitung die Siegesnachricht und telegraphierte sie in die Heimat. Postwendend verlieh der Kaiser den PLM an General von Guretzky-Cornitz. Die Auszeichnung wurde ihm auch sofort vom Kronprinz als Armeeführer persönlich überbracht.

Also, dies ging echt rasend schnell. Wie ich schon schrieb, die Auszeichnung erhielt der Divisionskommandeur, der sich während des Kampfes auf seinem rückwärtigen Gefechtsstand aufgehalten hatte, aber dies war halt so. Die Verleihung des PLM erfolgte spontan innerhalb kürzester Zeit. Erstaunlich finde ich jedoch auch, daß sich der Kronprinz sofort auf den Weg machte und den Orden auch persönlich überreichte. Trotz der doch eher spärlichen Verleihungen schien der PLM wohl an der Front sofort zur Hand zu sein.

Kaum hatte der Kronprinz den Gefechtsstand der 9. RD verlassen, meldete sich Oberstleutnant Smalian mit dem zugesagten Lagebericht. Erkundende Offiziere und zu den Regimentern entsandte Meldegänger hätten festgestellt, daß von einer Besetzung des Forts keine Rede sein könne. Diese Nachricht erweckte nun erhebliche Aufregung. In der Heimat wurden bereits Extrablätter verbreitet.

Um die Mittagsstunde (man beachtet diese Zeitangabe, selbst die Überreichung des PLM war bereits vorüber) erschien ein verwundeter Offizier des RIR 6 auf dem Gefechtsstand der 9. RD. Er habe gehört, die Division sei im Glauben, das Fort wäre genommen. Dies sei ein Irrtum. Er sei selbst bei den vordersten Kampftruppen gewesen und als einer der ersten in das Fort eingedrungen. Ein Gegenangriff aus dem Fortinneren habe sie zurückgeworfen, wobei er schwer verwundet worden sei. Die Truppen lägen noch unmittelbar am Fort auf der äußeren Umwallung, der Kern des Forts sei jedoch wieder im Besitz der Franzosen.

Diese Unterredung warf die bisherige Beurteilung der Lage im Stab der 9. RD über den Haufen und wirkte auf die Verantwortlichen erschütternd. Noch hoffte man, man könne die bereits verkündete Lage im Laufe des Tages doch noch herstellen. So erging um 13.25 Uhr an die Brigade Smalian die Weisung, Fort Vaux sei in Besitz zu nehmen. Gleichzeitig meldete man jedoch auch an das V. Reservekorps: "Gegen 11.00 Uhr im Innern des Forts ein heftiger Kampf entstanden. Ob das Werk noch im Besitz der Divisions, ist ungewiß. Anscheinend jetzt in der Hand der Franzosen. Wo Franzosen hergekommen, ist ungeklärt. Näheres nicht bekannt."

Erst jetzt begab sich General von Guretzky persönlich zu Fuß zum Gefechtsstand von Oberstleutnant Smalian. In schwerem feindlichen Artilleriefeuer arbeitete sich der General sprungweise den Hang des Hardaumont hinauf. Er hoffte wohl, noch eine andere Wendung der Lage feststellen zu können. Dies ist zumindest auch ein Widerspruch zu meiner gestern zitierten Quelle. Dort wurde geschrieben, die Verleihung des PLM sei auch ohne die Einnahme des Forts gerechtfertigt gewesen, da der General seine Truppen persönlich herangeführt habe. Nun, dies zumindest scheint er nach der jetzigen Schilderung nicht getan zu haben.

Somit gab es nicht nur eine Verleihung der höchsten Auszeichnung ins Blaue hinein, die Einnahme von Fort Vaux wurde auch im deutschen Heeresbericht gemeldet, was zu heftigen Protesten durch die Franzosen führte. In der öffentlichen Berichterstattung griff man daher auch die Notlüge aus dem Stab der 9. RD recht schnell auf, daß das Fort infolge eines französischen Gegenangriffes wieder verlorengegangen sei, was im Heeresbericht des folgenden Tages verkündet wurde. Dies führte zu erneuten Protesten durch die Franzosen.

Im Buch wird erwähnt, daß es nach dem Krieg nicht festzustellen war, ob am 9. März 1916 wirklich deutsche Soldaten das Fortinnere betreten haben. Wie bereits erwähnt, gab es die vereinzelten Aussagen deutscher Rückkehrer aus der vordersten Linie. Auf der anderen Seite wird im Buch darauf hingewiesen, daß die Franzosen selbst nach dem Krieg in keinster Weise darauf zu sprechen kamen, und sie würden es sicher erwähnt haben, wenn sie das Fort gegen einen deutschen Angriff gehalten hätten haben können.

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #48 am: 24.01.13 (18:25) »
Soweit erst einmal der zeitliche Verlauf. Im Buch wird nun ausführlich auf die in den Meldungen genannten Punkte eingegangen. Und das ist jetzt das eigentlich interessante an der Geschichte. Man hatte die Einnahme von Fort Vaux nicht nur zeitlich zu früh in die Welt hinaus verkündet, es hatte bereits eine Überreichung der höchsten Auszeichnung gegeben, noch ehe die Lage wirklich geklärt war.

Zuerst wird im Buch die Meldung auseinandergenommen, die die ganze Geschichte ins Rollen gebracht, die Meldung des Rittmeisters von Scheele. An dieser Stelle wieder wörtlich aus dem erwähnten Buch:

"...
Rittmeister von Scheele führte beim Vorgehen in den ersten Morgenstunden des 9. März den Befehl über drei Kompanien: 1., 2. und 4. / RIR 6. Die vordersten Gruppen der 1. und 2. Kompanie hatten, als die Meldung geschrieben wurde, das Drahthindernis des Forts "erreicht", während die in zweiter Linie folgende 4. Kompanie erst am unteren Hang des Vaux-Berges angelangt war. Wenn Rittmeister von Scheele nun meldete: "Trete den Vormarsch mit einer Kompanie (4. / RIR 6) weiter an", so war dies von seinem Standpunkte aus durchaus richtig; denn er befand sich bei der 4. Kompanie, die jetzt weiter vorgehen sollte, und hatte die Pflicht, seinen Bataillonsführer, dem er diese Meldung erstattete, darüber zu benachrichtigen, wo er selbst zu bleiben gedachte. Gewiß hätte sich von Scheele genauer ausdrücken können, aber man darf dabei doch nicht die Lage, in der er die Meldung verfaßte, außer Acht lassen. Alles war im Vorhasten begriffen, um noch vor völliger Tageshelle das Fort zu stürmen, also in starker seelischer Spannung. Dazu war es halbdunkel; ringsherum schlugen Granaten ein; ab und zu noch Surren und Pfeifen über die Köpfe dahinrasenden Infanterie- und MG-Feuers. Da blieb zum stilistischen Überprüfen der rasch im nächsten Granattrichter beim Scheine einer elektrischen Taschenlampe hingeworfenen Meldung keine Zeit. Die Hauptsache war, daß der Bataillonsführer über den augenblicklichen Stand des Vorgehens und über die weiteren Absichten unterrichtet wurde.
..."

Das klingt erst einmal so, als suche man den Sündenbock ganz am Anfang, halt immer beim direkten Frontsoldaten. Hätte der Rittmeister seine Meldung doch besser formuliert, ... aber es wird nun darauf hingewiesen, daß diese Meldung ja eigentlich nur für seinen Bataillonsführer gedacht war, um ihn über seinen eigenen Verbleib zu informieren. Doch diese einfach Meldung wurde die Ausgabe der Extrablätter in der Heimat. Schuld daran trug nicht der Rittmeister, der seine kleine Meldung schrieb, sondern diejenigen, die diese weiterleiteten und falsch deuteten. Im Buch wird es jetzt richtig lustig, ...


"...
Anders hingegen Lage und Auffassung beim Divisionsstabe. Hier waren die verantwortlichen Persönlichkeiten ältere aktive Offiziere mit ausreichender Kenntnis der Befestigungslehre. Für sie war ein Fort ein Kernwerk, dessen Hauptschutz der durch Grabenstreichen und hohe, senkrechte Wände sturmfreie Fortgraben bildete. War also "das Fort erreicht", so konnte damit nach ihrer Auffassung nur das Kernwerk gemeint sein. Rechnet man dazu noch die vorher bereits mehrfach erwähnte hoffnungsvolle Stimmung im Divisionsstabe überhaupt, so ist es kein Wunder, daß man dort die Meldung ganz anders auslegte, als sie eigentlich gedeutet werden durfte; also ein dem Kriegsteilnehmer durchaus erklärlicher Irrtum.
Auch die noch in ihrem Bericht vom 19. März von der 9. RD vertretene Auffassung, daß Fort Vaux am 8. / 9. März zeitweise von deutschen Truppen besetzt gewesen sei, bedeutete durchaus nicht eine gegen besseres Wissen abgegebene Meinung. Der am 9. März dem Hauptmann Sichting persönlich berichtende verwundete Offizier hatte geschildert, wie er selbst als einer der ersten in das Fort eingedrungen gewesen, aber durch einen Gegenangriff aus dem Fortinneren zurückgeworfen worden war. Die jungen Reserveoffiziere hatten keinen besonderen Unterricht in der Befestigungslehre genossen. Für sie war ein Fort ein verschwommener Begriff, der den berichtenden Offizier zu unklarer Ausdrucksweise verleitete. Kriegsoffizier und alter Berufsoffizier wurden hier Opfer ihrer verschiedenen Auffassung von der Beschaffenheit einer Fortanlage.
Der Geschichtsforscher muß es jedenfalls als erwiesen ansehen und wird darin durch zahlreiche, nachträglich eingeholte Berichte von Offizieren des RIR 6 gestützt, daß von diesem Regiment am 9. März niemand weder den Fortgraben noch gar das Fortinnere betreten hat. Diesen Kampfverlauf bestätigen auch die französischen Quellen.
..."

Somit meldete man einfach noch oben das, was man gerne melden wollte, ohne sich vorher sicher zu sein, ...  ;D

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #49 am: 24.01.13 (18:51) »
Bliebe noch die Klärung über die Sichtmeldungen deutscher Truppen auf dem Fort und das dortigen Wehen der schwarz-weiß-roten Fahne. Dazu wieder aus dem Buch:

"...
Noch zu ergründen blieben schließlich die Meldungen über eine auf dem Fort wehende schwarz-weiß-rote Fahne, die Beobachtung dort herumstehender deutscher Truppen und der von Hauptmann Sichting als französisch angesprochenen Granateinschläge auf dem Fort. Diesmal wurden die Beobachter das Opfer einer optischen Täuschung. Die Truppen führten damals rot-gelbe Rahmenflaggen bei sich, um der Artillerie damit den Verlauf der jeweiligen vordersten Infanterielinien kenntlich zu machen. Eine solche Flagge hat Hauptmann Morré, Kommandeur des III. / RIR 6, an der Nordostecke des Drahthindernisses des Forts bei Tagesanbruch persönlich hoch in der Luft geschwenkt, weil das Feuer einzelner deutscher Batterien seine Kompanien gefährderte. Später ließ er diese Flagge an einer besonders gut sichtbaren Stelle, einem Erdaufwurf, etwa 100 m vom rechten Schulterpunkt des Forts entfernt, in den Boden stecken. Sogar der verhältnismäßig nahe an diesem Punkte befindliche Kommandeur des I. / RIR 6, Hauptmann Pohl, verkannte im Morgendunst Farben und Aufstellungsort dieser Flagge und meldete 9.37 Uhr dem Regimentskommandeur schriftlich: "Fahne weht auf Fort Vaux, Farben der Fahne rot-weiß, weiß oder ähnlich." Schon 9.40 berichtigte er jedoch seinen Irrtum durch die Meldung: "An Südostecke vom Fort eine Befestigung. Dort rot-gelbe Rahmenflagge, die deutlich erkennbar ist." Viel schwerer war es natürlich für die weiter entfernten Artilleriebeobachter und gar erst für die Scherenfernrohr-Beobachter des Stabes der 9. RD, von dem rund 7.500 m entfernten Divisionsstab durch den in der Woevre-Ebene in diesen Stunden besonders diesigen Morgendunst die Farben der wehenden, das heißt der hoch hin und her geschwenkten Flagge richtig zu erkennen. Der sehnliche Wunsch nach Eroberung des Forts ließ sie als schwarz-weiß-rot erscheinen. Erst später, als der Dunst sich weiter klärte und die Flagge - es handelte sich bei allen Beobachtern um die eine, vom Hauptmann Morré dirigierte - unbeweblich im Boden steckte, erkannten auch diese Beobachter nach und nach, aber zu spät, ihren Irrtum.
Wie die Farben der Flagge, so waren auch ihr Aufstellungsort sowie das freie Bewegen deutscher Gestalten auf dem Fort und die angeblichen französischen Geschoßeinschläge Gegenstand optischer Täuschungen. Die vordere Linie des III. / RIR 6 verlief in den Morgenstunden des 9. März vom Drahthindernis des rechten Schulterpunktes nach rechts an einem Erdaufwurf vor dem Fronthindernis entlang, bis etwa zur Mitte der Stirnseite des Forts, dann bog sie, auf den inneren Flügeln des II. und III. / RIR 6, etwas nach Norden zurück und lag hier für die feindliche Fortbesatzung im toten Winkel. Infolgedessen konnten sich dort die vor Kälte klappernden Deutschen frei bewegen und dadurch sich zu erwärmen suchen. Da der aus der Woevre-Ebene und dem Vaux-Bach-Tal zunächst scharf ansteigende Vaux-Berg ganz oben, wo das Fort lag, sich abflachte, war, besonders bei Beobachtung aus weiter Entfernung, über den Ort, wo diese Bewegungen stattfanden, wie auch über die Geschoßeinschläge eine Täuschung leicht möglich.
Die deutschen Kommandostellen sind also am 9. März einer wohl verständlichen, in ihren Folgen aber darum nicht minder peinlichen Selbsttäuschung erlegen. Gänzlich fern aber hat ihnen gelegen, der Welt durch falsch Siegesmeldungen etwas vorzumachen. - Irren ist menschlich!
..."


Tja, eine solche Aufarbeitung der Ereignisse hätte man sich auch nach dem (ebenfalls verlorenen) Zweiten Weltkrieg gewünscht. Die Literatur zum Ersten Weltkrieg aus den 1920er Jahren finde ich jedenfalls hervorragend.

Balabu

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #50 am: 24.01.13 (19:02) »
Hallo Ingo,

Hans von Guretzky-Cornitz geb.am 10.08.1855 in Fürstenwalde/Spree verstorben in Aachen und in Potsdam beigesetzt.

Gruß

Wolfgang

Balsi

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #51 am: 24.01.13 (19:41) »
Also Ingo..Respekt für die Schreibleistung...alles äusserst informativ. Ich habe dazu auch immer mal ein wenig gelesen und fand die Kämpfe grundsätzlich immer sehr interessant, was den Ablauf anbelangt.

Danke!!!

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #52 am: 24.01.13 (19:58) »
Naja, das Schreiben geht mir mehr als flott von der Hand. Daher entschuldige ich mich schon mal, wenn sich der ein oder andere Tippfehler einschleicht. Mit Lesen verbringe ich weitaus mehr Zeit, ...  ;D

Interessant ist es auf alle Fälle. Ich nutze das Thema, um mich selbst ein wenig in Stimmung für ein neues Projekt zu bringen und meinen eigenen Datenbestand zu vervollständigen. Daher danke an Wolfgang für die Ergänzung. Es werden derer noch viele notwendig sein.

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #53 am: 25.01.13 (15:37) »
Die nächste Verleihung des PLM für die Kämpfe an der Westfront erfolgte erst am 7. Juni 1916. An diesem Tag wurde Leutnant Kurt Rackow damit ausgezeichnet. Wiederum stand der Kampf um Fort Vaux damit in Zusammenhang.

Für den Ablauf der Geschehnisse um das Fort nach dem 9. März 1916 schalte ich mal diesen Wiki-Link mit hinzu, das spart mir eigene Schreibarbeit:

http://de.wikipedia.org/wiki/Fort_Vaux

Am 1. Juni 1916 startete ein neuer deutscher Großangriff auf Fort Vaux. Kurt Rackow führte seit Februar 1916 die 3. Kompanie im Infanterieregiment 158. Am 2. Juni 1916 führte Rackow seine Kompanie aus eigenem Entschluß gegen das Fort und stürmte auf dessen Dach, wo er als ältester Offizier das Kommando übernahm. Die Kämpfe um und vor allem in Fort Vaux endeten erst am 7. Juni 1916 mit der französischen Kapitulation. Am gleichen Tag wurde Rackow der PLM verliehen.

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #54 am: 26.01.13 (08:49) »
Die Vorgänge zur Einnahme von Fort Vaux im Juni 1916 werden im Buch vom Reichsarchiv natürlich ebenfalls ausführlichst dargestellt, auch der Einsatz von Leutnant Rackow. Wenn ich es nicht überlesen habe, dann wird aber seine PLM-Verleihung an keiner Stelle erwähnt und sein Einsatz auch nicht herausgestellt. Es ist sogar die Rede davon, daß "Leutnant Rackow ebenfalls auf dem Fortkern" war.


Die nächste Verleihung des PLM erfolgte am 23. Juli 1916 an Konrad Kalau vom Hofe. Er war Kommandeur des I. Bataillons im Grenadierregiment 12 / 5. Infanteriedivision und war seit dem 20. Mai 1916 Kommandant von Fort Douaumont. Das Fort war wenige Tage vorher von einer riesigen Explosion erschüttert worden. Am 8. Mai 1916 war im Fort ein riesiges Munitionsdepot explodiert und mehrere hundert deutsche Soldaten waren dabei ums Leben gekommen. Mit der Kommandoübernahme am 20. Mai 1916 setzte schwerster französischer Beschuß auf das Fort ein und am 22. Mai begann ein Großangriff zur Rückeroberung. Bis zum 24. Mai 1916 tobten um das und im Fort schwerste Kämpfe. Der französische Angriff konnte schließlich abgewehrt werden und Fort Douaumont blieb in deutschem Besitz. Für diesen Abwehrerfolg wurde Hauptmann Konrad Kalau vom Hofe zur Verleihung des PLM eingereicht. Da es dieses Mal keine spontane Verleihung war, sondern der Vorschlag den Dienstweg gehen mußte, erfolgte die Verleihung am 23. Juli 1916.

So gesehen ist diese Verleihung die erste gewesen für einen Abwehrerfolg im Grabenkampf, allerdings nur da es um ein wichtiges Fort mit hoher Symbolkraft ging. Andere vergleichbare Taten blieben auch im Sommer 1916 weiterhin namentlich unbekannt, der PLM war weiterhin keine Auszeichnung für den Frontoffizier im Grabenkampf, egal wie sehr er sich bewährte.

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #55 am: 26.01.13 (13:55) »
Konrad von Goßler erhielt den PLM am 10. August 1916 als General der Infanterie und Kommandierender General des VI. Reservekorps.

Diese Verleihung erfolgte für den Kampf seines Korps in der seit dem 1. Juli 1916 tobenden Schlacht an der Somme.

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #56 am: 27.01.13 (17:51) »
Ebenfalls am 10. August 1916 erhielt den PLM Friedrich Sixt von Armin. Er war General der Infanterie und Kommandierender General des IV. Armeekorps. Auch diese Verleihung erfolgte für den Kampf seines Korps in der Schlacht an der Somme.

Am 1. März 1917 wurde Friedrich Sixt von Armin zum Oberbefehlshaber der 4. Armee ernannt, die in Flandern stand. Mit ihr durchkämpfte er die gewaltigen Abwehrschlachten in Flandern, die in der sogenannten Dritten Flandernschlacht gipfelten, die am 31. Juli 1917 begann und bis zum 6. November 1917 anhielt. Für seine Führungsleistungen in diesem Abwehrkampf wurde Friedrich Sixt von Armin bereits am 3. August 1917 mit dem Eichenlaub ausgezeichnet.

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #57 am: 28.01.13 (10:07) »
Hans von Kirchbach erhielt den PLM am 11. August 1916 als General der Infanterie und Kommandierender General des XII. Reservekorps.

Auch diese Verleihung erfolgte für den Kampf seines Korps in der Schlacht an der Somme, an der er mit seinem Korps seit Ende Juli 1916 teilnahm.

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #58 am: 29.01.13 (05:07) »
Ferdinand von Quast erhielt den PLM am 11. August 1916 als General der Infanterie und Kommandierender General des IX. Armeekorps.

Auch diese Verleihung erfolgte für die Schlacht an der Somme.


Am 9. September 1917 wurde Ferdinand von Quast zum Oberbefehlshaber der 6. Armee ernannt. Als Teil der deutschen Frühjahrsoffensiven führte er diese Armee ab dem 9. April 1918 in der sogenannten "Operation Georgette" zum erfolgreichen Angriff. Diese Kämpfe vom 9. bis 29. April 1918 wurden auch als Vierte Flandernschlacht bezeichnet. Bereits am 10. April 1918 wurde Ferdinand von Quast mit dem Eichenlaub ausgezeichnet.

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Re: Verleihungen des "Pour le Mérite" an der Westfront
« Antwort #59 am: 29.01.13 (13:26) »
Oskar Ritter von Xylander erhielt den PLM am 20. August 1916 als General der Infanterie und Kommandierender General des I. Bayerischen Armeekorps.

Diese Verleihung wiederum erfolgte für die Schlacht um Verdun, in der Oskar Ritter von Xylander mit seinem Korps ab Anfang Mai 1916 kämpfte. In dieser Zeit lag besonders der französische Gegenangriff zur Rückeroberung von Fort Douaumont, der erfolgreich abgewehrt werden konnte.


Bei ihm fällt mir auf, daß man besonders darauf achten muß, daß der Kommandierender General des I. Bayerischen Armeekorps war, denn es gab ja auch noch das I. Armeekorps. Weiß jemand, warum bei den Bayern solche Ausnahmen gemacht wurden ? Es gab drei dieser Korps.

http://de.wikipedia.org/wiki/I._K%C3%B6niglich_Bayerisches_Armee-Korps

 

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