Autor Thema: Familien-Amnesie 1939-1945 !  (Gelesen 157 mal)

Potsdamerin61

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Familien-Amnesie 1939-1945 !
« am: 01.09.21 (09:15) »
Hallo,
ich bin hier neu und daher noch etwas unbeholfen. Deshalb bitte ich schon mal vorab um Entschuldigung für evtl. dumme Fragen.
Ich möchte meine Familiengeschichte aufschreiben. Über die Zeit von vor '45 ist aber kaum etwas herauszubekommen.  Entweder erinnert man sich nicht ider wird wütend oder hat keine Zeit.
Meine Großeltern kamen aus Tauroggen und haben sich immer als Litauer bezeichnet. Pohl und Görke sind aber eindeutig deutsche Namen! Und mein Großvater war im 2. Weltkrieg auch in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, muss also bei der Wehrmacht gewesen sein. Es hieß immer, er hätte desertiert, wofür sein sehr guter Ernähruungszustand gesprochen hätte, als er zurückkehrte. Aber eine 94jährige Cousine meiner Mutter sagte mir nun, dass das gar nicht stimmt. Gefangenschaft ja, aber ganz sicher nicht desertiert. Und sie war hörbar erbost, wollte nicht weiter drüber reden.
Meine Großmutter erzählte mir nur, wie sie mit ihren 7 Kindern über ein Minenfeld geflüchtet ist. Ich dachte immer vor den Nazis. Aber sie hatte am linken Oberarm ja auch diese Blutgruppen-Tattoovierung. Als Kind fragte ich sie mal, was das ist. Sie sagte nur, das waren die Nazis, damit sie passende Blutspender schneller finden konnten.
Nun habe ich aber eine Doku gesehen, wo es um Internierungslager in Lodz ging. Und meine Mutter wurde 1941 in Lodz geboren. War meine Großmutter womöglich sogar eine Aufseherin dort?
Auffällig war jedenfalls die extrme Religiösität meiner Großeltern. Ich kenne meinen Opa fasst nur mit der Bibel in der Hand. Und meine Oma ging nicht nur jeden Sonntag zur Kirche. Sie hat sie auch für die Gottesdienste vorbereitet und danach geputzt, wobei ich als Kind oft geholfen habe. Außerdem hat sie viele Kranke in der Gemeinde gepflegt, war quasi ständig auf Achse und bekam sogar eine Auszeichnung von der Volkssolidarität für gute Nachbarschaftshilfe.
All das, um vielleicht eine Schuld zu sühnen? Oder waren sie einfach nur so gute Menschen?
Kann ich die Wahrheit jetzt überhaupt noch irgendwie herausbekommen?
Für Hilfe wäre ich wirklich dankbar..
Gruß Moni

Jürgen Fritsche

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Re: Familien-Amnesie 1939-1945 !
« Antwort #1 am: 02.09.21 (00:31) »
Moin, Moni,

schwierige Sach- und Ausgangslage ...

Zunächst solltest Du erstmal beim Bundesarchiv Berlin, Abt. PA, vollständige Auskunft über Deinen Großvater und seinen militärischen Werdegang beantragen. Wenn die Dir vorliegt, kann man damit weiterarbeiten. Aber nicht zu früh freuen, die Bearbeitungszeit liegt dort bei gut 2 Jahren.

Ansonsten: Nichts in die Thematik hineininterpretieren, nicht Vermutungen anstellen und keine Verdachtsmomente aufbauen, sondern einfach Fakten sammeln. Denn einerseits ist heute nicht damals, die Lebens-, Erziehungs-, System- und Kriegsumstände waren nun mal völlig anders als unsere, und unsere heutige "aufgeklärte" Sicht kann nicht objektiv auf damals angewendet werden.

Ergänzung zur angeblichen Blutgruppen-Tätowierung Deiner Großmutter:
Diese Tätowierung wurde nur bei Mitgliedern der SS-Verfügungstruppe, der SS-Totenkopfverbände und dann auch des größten Teils der Waffen-SS durchgeführt! Von Frauen ist dies jedoch nicht bekannt. Schließlich ging es hierbei um die Erleichterung medizinischer Versorgung und der raschen, sicheren Bluttransfusion bei einer Verwundung der Soldaten der Waffen-SS.
« Letzte Änderung: 02.09.21 (00:50) von Jürgen Fritsche »
Viele Grüße,
Jürgen



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Potsdamerin61

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Re: Familien-Amnesie 1939-1945 !
« Antwort #2 am: 03.09.21 (13:19) »
Oh, vielen Dank. Jedoch hat mir meine Großmutter das wirklich so gesagt. Und wir haben auch alle Blutgruppe 0! Evtl. waren Blutkonserven zum Kriegsende knapp, dass man auch Direktspender so gekennzeichnet hat? Und wenn man bei den "Guten" war, kann man doch drüber reden? Aber das tatefn und tun sie nicht einmal über die Vorkriegszeit! 7

Jürgen Fritsche

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Re: Familien-Amnesie 1939-1945 !
« Antwort #3 am: 05.09.21 (22:01) »
Moin Moni,

Blutkonserven standen zwar ab 1940 zur Verfügung, jedoch waren a) die Qualität (u. a. durch hämolytische Belastung) und b) die unzureichende konsequente Einhaltung der Kühlkette bis zum Hauptverbandplatz einer Sanitätskompanie an der Front (wo sie eingesetzt werden sollten) ein grundsätzliches Problem, weshalb i. d. R. an Verwundeten, die Blut benötigten, entweder das Verfahren der direkten oder der indirekten Bluttransfusion mittels geeignetem Blut von anwesenden Kameraden durchgeführt wurden.

Der neben der Blutgruppe zusätzlich zu beachtende Rhesusfaktor war zwar auch gerade erst entdeckt worden, jedoch hatte er unter den Frontbedingungen ohnehin keinen nennenswerten Einfluß auf die Verträglichkeit (Koagulation) zwischen Spender- und Empfängerblut, da dies erst nach einer bereits früher erfolgten Transfusion mit Spenderblut eines anderen Rhesusfaktors als beim Empfänger bedeutsam wird. Will heißen, zunächst wurde einem Verwundeten mit Blutbedarf durch Transfusion eines wenigstens in der Blutgruppe passenden Spenderblutes auf jeden Fall das Leben gerettet.
Viele Grüße,
Jürgen



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