Autor Thema: Militäraufklärung  (Gelesen 8082 mal)

PD47

  • Gast
Militäraufklärung
« am: 10.02.06 (08:18) »
Am 07. Februar 2006 fand eine URANIA Veranstaltung über „Die Militäraufklärung der NVA“ statt.
Redner war Dr. Bodo Wegmann, der selber ein Sohn einer Bremer Bänkerfamilie ist, aber durch seine Promotionsarbeit über die militärische Aufklärung der NVA, ein profunder Kenner der Materie ist. Sein kürzlich erschienenes Buch zu diesem Thema, welches ein Extrakt seiner wissenschaftlichen Arbeit dar stellt, ist im Handel für 48 € erhältlich. Sicherlich viel Geld aber für den Interessierten, denke ich mal, ein „MUSS“.

„Die Militäraufklärung der NVA“ von Bodo Wegmann; Verlag Dr. Köster,
ISBN 3-89574-580-4

Im sehr angenehmen Plauderton brachte Dr. Wegmann den interessierten Hörer seine Arbeit nahe. Nun kann man sich vorstellen, dass im Publikum zu dieser Veranstaltung eine Reihe von Herren saßen, die selber Jahre lang in dieser Branche tätig waren ob nun für oder gegen die NVA sei mal dahin gestellt. Auch die anschließende Diskussion war sachlich, fachlich fundiert, freundlich und sehr interessant.

Ich konnte bei weitem nicht alles mitschreiben aber einiges möchte ich hier mal zum Besten geben.

Begonnen hat Dr. Wegmann mit einer Frage, die ihm durch einen westlichen Militär gestellt wurde.

„… ist die NVA-Aufklärung ein erfolgsorientiertes Unternehmen gewesen ?...“

Ein Unternehmen im bürgerlichen Sinne zur Profitmaximierung war die NVA-Aufklärung nicht aber sie hatte Erfolg und sie war darauf orientiert, alle Angaben zu beschaffen, die die NVA benötigte, um einen überraschenden Schlag der NATO gegen die NVA  /  den WV nicht zu zulassen.
Und die Orientierung war sehr sinnvoll und der Erfolg war überragend.

Bei der NVA-Aufklärung ging es nicht darum, wirtschaftliche Daten auszuspähen oder die USA, England oder Australien aufzuklären. Die NVA-Aufklärung klärte nur militärisch relevante Fakten auf und das auch nur in den Ländern, die auf dem vermutlichen westlichen Kriegsschauplatz der NVA gegenüberstehen konnten.
Die Militäraufklärung der NVA (MA-NVA) hat die durch die übergeordneten Ebenen gestellten Aufgaben konsequent erfüllt. Es gab keine Lücken und die NVA-Führung hatte durch die MA ein umfassendes Bild über Absichten, Vorhaben auf operativer und strategischer Ebene als auch über das Personal und die Beschaffung / Entwicklung aller wichtigen Technik und Zubehör.

Die MA-NVA hatte eine Reihe von Spitzenquellen ganz weit oben sitzen in den Ländern der NATO die für die NVA interessant waren und durch diesen Dienst ins Visier genommen wurden.
Am Beispiel der Bundesrepublik vielleicht mal folgendes wo überall Spitzenquellen der MA-NVA saßen:

Im NATO Hauptquartier  Europa  von 76 bis 86 (eine Belgierin  (?) – Imelda Ferepp),
im Bundesministerium für Verteidigung von 70 bis 89,
im Bundesamt für Wehrtechnik von 70 bis 90,
im Beschaffungsamt von 72 bis 90,
im Auswärtigen Amt von 72 bis 90;
im Rechenzentrum der Bundeswehr von 72 bis 90;
in der Zentraldruckerei der Bundeswehr von 72 bis 90 und
bei des US-Streitkräften in der Bundesrepublik von 68 bis 87.

Es gelang jedoch der MA-NVA nicht, einen höheren Stabsoffizier der Bundeswehr für die gemeinsame Arbeit zu gewinnen, was ich persönlich auch nicht erwartet hätte. Der höchste Dienstgrad eines BW-Offiziers, der je mit der MA-NVA zusammen gearbeitet hat, war ein Hauptmann.

Dr. Wegmann sprach darüber, daß die MA-NVA bereits in den 80-er Jahren über die „Heeresstruktur 2000“ bescheid wusste. Das untermauerte er durch Dokumente, die er mittels Polylux zur Anschauung brachte.

Es ist klar, so Dr. Wegmann, dass die MA-NVA nicht in Lage war auch nur annähernd alle relevanten Objekt permanent aufzuklären oder zu beobachten. Als Beispiel brachte er, dass es z.B. in der NVA etwa 3000 Objekte gab, die einer Aufklärung durch die andere Seite bedurft hätten. Und das war nur die NVA. Explizit kann man davon ausgehen, dass es allein auf dem Territorium der Bundesrepublik mindestens genauso viele Objekte, wenn nicht gar wesentlich mehr, der BW gegeben hat, die durch die MA-NVA aufgeklärt hätten werden müssen. Das war aber schlechterdings gar nicht möglich. So wurden etwa 50 Dienststellen der NATO als Vorrangziele ausgewählt und die vielen, vielen verbleibenden Ziele, nicht permanent unter Kontrolle gehalten. Die Vorrangziele waren z.B. die Pershing- und Cruz Missle-Einheiten.

Er erläuterte und belegte, dass es ab der zweiten Hälfte der 60-er Jahre keine Aktionen der BW mehr gab, die geheim geblieben sind. Natürlich nur solche Aktionen, die relevant waren. Wenn also der PGZug, die PzKp auf Übung fuhr, war das nicht relevant.

Er sprach über das Material der MA-NVA, was nun in das Eigentum des Archives in Freiburg übergegangen ist. Dort befinden sich über 2500 Findakten, die sich nur mit Aufklärungsergebnissen der MA-NVA beschäftigen. Das sind Akten, in denen nur steht, wo man was zu anderen Vorgängen finden kann.

Der Dr. führte aus, dass der ehemalige Gegner der NVA Probleme damit hat, die MA-NVA als effizienten Dienst einzuschätzen. Der ehemalige Gegner bestreitet nicht die Fakten, denn die kann man ja nachlesen aber er schränkt ein, dass diese „Erfolge“ (so bezeichnet der ehemalige Gegner das natürlich nicht) nur möglich waren, weil die MA-NVA einem verbrecherischen System gedient hat.
Diese Kausalität geht mir zwar nicht auf, aber es lohnt auch nicht darüber zu diskutieren.

Die Beschaffung von Informationen durch die MA-NVA ist eine Seite. Aber – stimmen diese Aufklärungsaufgaben auch? Wie muß man die vielen Informationen bewerten und einordnen.
Gerade hier leistete die MA-NVA ganze Arbeit. Das Informationszentrum der MA-NVA hat es geschafft, die vielen kleinen Informationen zu einem geschlossenen Gesamtbild zu vereinigen und dadurch recht klare Vorstellungen über die Absichten und Vorhaben der NATO Streitkräfte in Europa zu schaffen, die sich bis auf ganz wenige Ausnahmen, so Dr. Wegmann, als richtig heraus stellten.

Im Anschluss gab es eine interessante Diskussion.

In dieser Diskussion gab ein Herr ein interessantes Beispiel für die Auswertung von Informationen, wie unterschiedlich man Infos bewerten kann.

Es geht um Schuhe in Afrika.
Die Tschechen schicken einen Beamten nach Afrika um zu erkunden (aufzuklären) ob die Tschechen ihre Schuhproduktion erhöhen sollen, um Schuhe in Afrika zu verkaufen.

Der Tscheche kommt zurück und sagt „ es ist so warm in Afrika, die Menschen in Afrika laufen alle barfuss also brauchen wir unsere Schuhproduktion nicht erhöhen und können kein Geschäft machen.“

Gleiches tun die Deutschen. Der Deutsche sagt nach Rückkehr „in Afrika laufen alle barfuss, sie brauchen jede Menge Schuhe. Produktion unbedingt erhöhen.“

Nun, wer hat recht? (das ist nur eine rethorische Frage und ich erwarte keine Antwort darauf)

Gruß PD 47

Hoover

  • Gast
Re: Militäraufklärung
« Antwort #1 am: 10.02.06 (08:25) »
Muss wirklich interessant gewesen sein. Über dieses Thema habe ich bislang eher wenig gehört, so dass ich da wohl mal näher nachlesen werde.

P.S.: Das Beipiel am Ende ist wirklich gut!

bani

  • Gast
Re: Militäraufklärung
« Antwort #2 am: 10.02.06 (09:50) »
.... Der ehemalige Gegner bestreitet nicht die Fakten, denn die kann man ja nachlesen aber er schränkt ein, dass diese „Erfolge“ (so bezeichnet der ehemalige Gegner das natürlich nicht) nur möglich waren, weil die MA-NVA einem verbrecherischen System gedient hat.
...


Würde also im Umkehrschluß bedeuten, daß der MAD ein ziehmlich schlechter Dienst war, da er ja einer "guten Demokratie" diente ...  ;)


Wie groß war eigentlich unsere MA?
Kann man da %-Vergleiche zum MfS anstellen?

Ist zwar ein interessantes Thema, vor allem wenn man selbst zu DDR-Zeiten nur in der NVA gearbeitet hat.
Aber ich kann mir jetzt nicht auch noch Literatur zu diesem Thema zulegen - da würde ich mich einfach zu sehr verzetteln ...
« Letzte Änderung: 10.02.06 (09:53) von bani »

Hoover

  • Gast
Re: Militäraufklärung
« Antwort #3 am: 10.02.06 (10:57) »
Ein Vergleich zwischen den beiden Diensten  (also BRD und DDR) würde sehr interessant sein.

steffen04

  • Gast
Re: Militäraufklärung
« Antwort #4 am: 10.02.06 (13:47) »
Interessantes Thema, auch eine evtl. Weiterung um den MAD. Ich hatte immer den Eindruck, die könnten ihren eigenen Hintern nicht finden.

bani

  • Gast
Re: Militäraufklärung
« Antwort #5 am: 10.02.06 (14:06) »
Konnten sie auch nicht.

Als in den Wendezeiten die ersten Offz. der Bunten Wehr bei uns eintudelten, waren die vom MAD mit Material zu unseren Flugzeugen ausgestattet - das Material behandelte allerdings das Grundmuster unseres Flugzeuges und war aus den 60er Jahren!
Die armen Kerle sind aus allen Wolken gefallen ...  ;D

Hoover

  • Gast
Re: Militäraufklärung
« Antwort #6 am: 10.02.06 (14:14) »
Nun, als meine Pioniere nach havelberg gingen erwartenen die nichts Neues. So schlecht waren die BRD-Ergennisse auch nicht.

Pedro

  • Gast
Re:Militäraufklärung
« Antwort #7 am: 04.06.11 (19:37) »
Steffen

mit dem MAD lag vielleicht daran, das der vize Chef des MAD Oberst Krase auch für das MfS tätig war ....

 

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