Autor Thema: Grafeneck - Aktion T4  (Gelesen 4503 mal)

steffen04

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Grafeneck - Aktion T4
« am: 14.10.08 (21:11) »
Weil´s hier um die Ecke liegt und ich am Sonntag hin muss, hab ich mich mal schlau gemacht:

Zum nationalsozialistischen Gedankengut gehörte auch die Ausmerzung lebensunwerten Lebens, also die Tötung von Menschen, die aufgrund diverser Gebrechen nicht (mehr) in der Lage waren, einen Beitrag zum Sozialprodukt zu leisten, kurz: Behinderter. Die Motivation war nicht wie bei der Judenverfolgung eine rein ideologische, vielmehr folgte sie nutzorientierten Kriterien:

-   Schonung der öffentlichen Finanzen
-   Einsparung (knapper) Nahrungsmittel
-   Freisetzung von Ärzten und Pflegern für (kriegs-) wichtigere Aufgaben
-   Umwandlung der Behindertenheime in Krankenhäuser, Lazarette, Kasernen (die Aktion T4 wurde  „im Westwallgebiet“ gestartet)

Die Euthanasie wurde bereits in den Dreissigern vorgedacht, von Adolf Hitler persönlich aber bis zum Kriegsausbruch zurückgestellt. Im Krieg war eine solche Aktion seiner Meinung nach eher begründ- und durchsetzbar, bzw. würde relativiert, im besten Falle gar nicht wahrgenommen.

Durchgeführt wurde die Aktion von der Organisation T(iergarten) 4, benannt nach ihrem Dienstsitz in Berlin, daher auch der Name Aktion T4. Der Aktion T4 fielen reichsweit etwa 70.000 Behinderte zum Opfer, im württembergischen Grafeneck, in der T4 am 18. Januar 1940 gestartet wurde, 10.654 – etwa 50% der Insassen der Behindertenanstalten im Erfassungsgebiet Baden, Württemberg, Hohenzollern.

Die Aktion lief sofort nach Kriegsbeginn an, die Insassen des Samariterstifts Grafeneck wurden nach anderen Heimen verbracht und die erforderlichen baulichen Maßnahmen eingeleitet. Diese umfassten im wesentlichen eine Gaskammer, ein Krematorium und Schutzzäunungen.

Das Personal wurde reichsweit rekrutiert und umfasste neben den Ärzten, Pfleger, Schreibkräfte, Wachpersonal, Hilfskräfte und Fahrer. Den Ärzten wurde ihre zukünftige Tätigkeit selbstverständlich geschildert, eine Ablehnung war konsequenzlos möglich. Die Chargen wurden nicht informiert und durch Geheimhaltungserklärungen strikt vergattert. Dem Wachpersonal wurden auch einige Uschas der „Totenkopf“-Vorläuferstandarten zugeteilt. Die SS war bei T4 zwar nicht federführend aber vielfach involviert: Gestellung des Wachpersonals aus den Reihen der Waffen-SS, einiger SS-Ärzte und von nichtmedizinischem Führungspersonal.

Ziel der Aktion waren Behinderte
-   deren Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war
-   die länger als fünf Jahre in einer Anstalt lebten
-   die gerichtlich in eine Anstalt eingewiesen wurden
-   die nichtdeutschen Blutes waren

Die Vergasungen wurden bemerkenswert professionell durchgeführt. Verwendet wurde 1940 noch Kohlenmonoxyd. Die Kapazität der Gaskammer entsprach der der „grauen Busse“, die die Opfer herankarrten. Die Behinderten mussten sich nach ihrer Ankunft ausziehen, wurden ärztlich gemustert, geschlossen in die Gaskammer gebracht und getötet. Die Leichen wurden in drei fahrbaren Krematorien eingeäschert.

Auf Geheimhaltung wurde bei der Aktion großen Wert gelegt, letztlich ohne jeden Erfolg. Die Hinterbliebenen erhielten gefälschte Totenscheine. Für die Beurkundung wurde ein eigener Notar beschäftigt. Dokumente und Urnen wurden nicht vom nahegelegenen aber kleinen Münsingen, sondern aus Ulm, Stuttgart und anderen grösseren Städten verschickt. Trotz der Konspiration flog die Aktion von Anfang an auf, es waren einach zu viele Familien betroffen. Angehörige, Honoratioren, Kirchen protestierten reichsweit bis hin zum Führer. Die Aktion wurde zum Jahresende 1940 abgebrochen. Da das reichsweite Ziel (20% der Anstaltsinsassen) im Einzugsgebiet Grafenecks weit übertroffen wurde, ist das allerdings kaum auf den Widerstand zurückzuführen.

Dr. Schumann, der erste Leiter Grafenecks wurde später Lagerarzt in Auschwitz. Christian Wirth, Büroleiter, errichtete und kommandierte das Vernichtungslager Belzec und war dann Inspekteur der V-Lager Belzec, Sobibor und Treblinka, blieb also dick im Vergasungsgeschäft. Kurt Franz, der Küchenchef (!!) wurder letzter Kommandeur von Treblinka.

Irgendwelche von Richtschütze behaupteten Parallelen zu US-amerikanischen Syphilisexperimenten scheinen beim gegenwärtigen Forschungsstand nicht belegbar zu sein.

waldi44

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Re: Grafeneck - Aktion T4
« Antwort #1 am: 15.10.08 (12:23) »
Weil´s hier um die Ecke liegt und ich am Sonntag hin muss, hab ich mich mal schlau gemacht:


Irgendwelche von Richtschütze behaupteten Parallelen zu US-amerikanischen Syphilisexperimenten scheinen beim gegenwärtigen Forschungsstand nicht belegbar zu sein.

"Hin muss?". Darf man fragen warum/wozu?

Tja, da war/ist einiges nicht belegbar gewesen.....

Abgesehen von der Unmenschlichkeit dieser Aktion, verbaut sie uns heute den klaren Blick auf  Euthanasie im Sinne von Sterbehilfe, die ich absolut befürworte. Übrigens meine ich, das galt damals nicht generell für Behinderte, sondern "nur" für erblich bedingte Behinderung. Schliesslich umfasst das Feld der Behinderungen ja mehr als nur genetisch bedingte. Man denke da nur an die vielen Weltkriegsbehinderte.
Aber ich möchte fast behaupten, bei diesem Thema scheiden sich die Geister. Womöglich ist es nicht das OB, sondern das WIE?

steffen04

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Re: Grafeneck - Aktion T4
« Antwort #2 am: 15.10.08 (13:19) »
Am Sonntag ist dort eine Gedenkfeier und ich bin eingeladen. Ich war vorher peinlicherweise noch nie dort und hab mich deshalb schnell eingelesen.

Zur Aktion T4: es wurden nicht nur erblich Belastete vergast, die oben angeführten Punkte sind die amtlichen Selektionskriterien. Darunter fallen eben "nichtdeutsche" Behinderte, es wurden aber auch Weltkriegsversehrte entsorgt. Zitat aus einem Schreiben eines Vaters an das ausliefernde Heim: "Der Dank des Vaterlands für ehemalige Frontkämpfer kann jedenfalls nicht mehr krasser zum Ausdruck kommen als durch solchen Heldentod".

Die heutige Euthanasiedebatte sollte sich von T4 nicht beeinflussen lassen, damals ging es schlicht um die Reduktion von Kosten, so wurde die Aktion auch propagandistisch verkauft, etwa durch die Darstellung eines arischen Arbeiters, der zwei affenähnliche Kreaturen auf den Schultern trägt, mit dem Kommentar: "Hier trägst du mit. Ein Erbkranker kostet bis zum Erreichen des 60. Lebensjahrs 60.000Reichsmark".

Heute stehen doch eher die Interessen der Kranken im Vordergrund. Die NS-Argumentation könnte man aber sehr schön in der Rentendebatte anbringen. 


Niwre

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Re: Grafeneck - Aktion T4
« Antwort #3 am: 15.10.08 (14:42) »
Dr. Schumann, der erste Leiter Grafenecks wurde später Lagerarzt in Auschwitz. Christian Wirth, Büroleiter, errichtete und kommandierte das Vernichtungslager Belzec und war dann Inspekteur der V-Lager Belzec, Sobibor und Treblinka, blieb also dick im Vergasungsgeschäft. Kurt Franz, der Küchenchef (!!) wurder letzter Kommandeur von Treblinka.

Das ist nicht ungewoehnlich.  Wir haben ja "Pirna Sonnenstein" hier in der Naehe und ein Drittel der Mitarbeiter durfte spaeter auch in Belzec, Sobibor, Treblinka... "aushelfen".
Truth is invariant under change of notation. (J. A. Goguen)
Es hat niemand die Absicht, im Privatleben harmloser Bürger herumzuschnüffeln. (W. Schäuble)

steffen04

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Re: Grafeneck - Aktion T4
« Antwort #4 am: 15.10.08 (17:43) »
Anscheinend wurde die Aktion Reinhardt ausschliesslich von Angehörigen von T4 durchgeführt. Die Aktion Reinhardt umfasste die Vernichtung der 1,7 Mio weitgehend polnischen Juden in den drei eigens erbauten und nach Abschluß 1943 wieder abgerissenen reinen Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka. Die Aktion wurde mit knapp 100 deutschen Mitarbeitern durchgeführt. T4 blieb organisatorisch teilweise für seine Mitarbeiter verantwortlich.

Im Gegensatz zu allen anderen Lagérn, auch Auschwitz, bestand hier keinerlei Überlebenschance. Es wurde nicht selektiert, es gab keine Arbeitseinsätze außerhalb der Lager o.ä. Die Aktion leitete Odilo Globocnik.

Beide Aktionen wurden von der Reichskanzlei des Führers koordiniert.

waldi44

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Re: Grafeneck - Aktion T4
« Antwort #5 am: 15.10.08 (18:06) »
Ja wie, keine Lagerkapelle, kein Lagerbordell ::).....

steffen04

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Re: Grafeneck - Aktion T4
« Antwort #6 am: 15.10.08 (19:05) »
kein Lagerbordell ::).....

Raus-Rein gab´s genau zwei Mal: Raus aus dem Zug, Raus aus den Klamotten, Rein in die Gaskammer, Rein ins Krematorium. Da bleibt nicht viel Zeit für´s Rahmenprogramm

waldi44

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Re: Grafeneck - Aktion T4
« Antwort #7 am: 15.10.08 (23:16) »
Die "Frage" war eher platonisch gemeint wie du dir denken kannst. Es gibt sooo viele Beispiele, dass solche und ähnliche deutsche Aktionen einfach beispiel- und vergleichslos sind, egal wielange man nach vergleichbarem sucht. Lange genug gedreht und verrenkt findet man sie, zB, in solchen Vergleichen wie sie Richtschütze brachte.
Das "Rahmenprogramm", wie zB. in Theresienstadt, war eh nur aus Propapagandazwecken für's Ausland arrangiert. KZ Puff ausgenommen. Dort bedientens sich Kapo's und SS Wachen gleichermassen, vielleicht sporadisch sogar in oben genannten Lagern - ein weiterer Beweis für die Humanität in deutschen, ja was...?

steffen04

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Re:Grafeneck - Aktion T4
« Antwort #8 am: 20.09.11 (11:12) »
Aktuell erschienen der Band zum Grafeneck-Symposiums 2009

"60 Jahre Tübinger Grafeneck Prozess" - Betrachtungen aus historischer, juristischer, medizinethischer und publizistischer Perspektive"
Herausgeber: Kinzig, Jörg und Stöckle, Thomas
Verlag Psychatrie und Geschichte

 

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